Wie einigen bekannt ist, habe ich vom 06.09. bis 19.09.1987 an einer Studienreise in die Türkei teilgenommen.
Die Reise führte mit dem Flugzeug von Frankfurt nach Instanbul und weiter über Ankara nach Erzurum in Ostanatolien. Von Erzurum ging es mit dem Reisebus 2000 km zurück nach Ankara. Von dort mit dem Flieger über Istanbul zurück nach Frankfurt.
Bilder dazu habe ich auf dem Dachboden in Form von Dias. Ich muß einen Freund mal bitten, diese einzuscannen. Hoffentlich sind sie noch zu scannen und noch nicht vergilbt.
Heute habe ich zufällig die alten Protokolle entdeckt, die wir als Teilnehmer führen mußten.
Ich war am 09.09.1987 vormittags dran. An diesem Mittwoch starteten wir quasi unsere 2000 km Bustour. Es ging von Erzurum nach Malatya über Tunceli.
Um 06.00 Uhr werden wir durch das Telefon in unserem Hotelzimmer geweckt. Wir wollen zeitig losfahren, da wir die längste Tagesetappe von über 500 km vor uns haben. Es wird, wie sich später herausstellte, die landschaftlich schönste Etappe. Nach dem Frühstück sitzen wir alle um 7 Uhr abfahrtbereit im Bus.
Der Bus hatte uns bereits am Flughafen Erzurum abgeholt und uns auch zu einigen Punkten in Erzurum gefahren. Das waren aber nur kurze Etappen. Jetzt sind wir aber auf Tage auf den Bus angewiesen und werden so manche Stunde in ihm verbringen. Die Sitze haben ausreichend Abstand. Auch waren mehr Sitze als Personen vorhanden. Der Bus ist mit Aircondition ausgerüstet.
Zur Crew gehören zwei Personen, der Fahrer und sein Gehilfe, die wir in den nächsten Tagen noch näher kennen lernen werden. Der Busfahrer fuhr die gesamte Strecke. Der Gehilfe hatte einen Namen, den man sich nicht merken konnte. Wir haben ihn kurzerhand Harry genannt, zumal er auch etwas der englischen Sprache mächtig war.
Harry hatte die Kühlbox hinten im Bus immer mit Cola und Soda gefüllt. Nie haben wir trotz der Hitze im Bus Durst leiden müssen. Auf Harry und die Fahrkünste des Busfahrers war immer verlaß.
Wir verlassen Erzurum auf der E 23 Richtung Erzincan. Auf der asphaltierten Straße kommen wir gut voran. Nach einer halben Stunde fahren wir an einem modernen Dorf vorbei. Es sind nur wenige Häuser bewohnt. Solche Häuser sind gebaut worden, um die Bevölkerung aus erdbebengefährdeten Gebieten umzusiedeln. Diese Häuser werden aber nicht angenommen, weil die Planer einige Dinge vergessen haben. So sind z.B. keine Ställe für das Vieh vorhanden.
Später sehen wir unweit der Straße Zelte, in denen Normaden wohnen. Dies wird bald zum vertrauten Bild während der gesamten Fahrt.
Längst hört man im Bus das Surren und Klicken von Kamaras, das immer erst bei Einbruch der Dunkelheit verebben wird.
Kurz nach 9 Uhr machen wir an der Abzweigung der Straße nach Tunceli bei einer Raststätte Teepause.
Einige von uns beobachten an der Landstraße einen Türken, der irgendetwas die Böschung herunterzieht. Die Neugier treibt einige, das näher zu beobachten. Der Mann hatte ein totes Schaf gefunden, das entweder in der Nacht überfahren wurde oder verendet sein muß. Er hatte einen riesigen Dolch in der Hand, schlitzte das Tier aufund holt die Leber heraus. Aus dem Müll, der an der Böschung liegt, holt er sich einen alten Margarinebecher, füllt die Leber ein und zieht von dannen.
Wir besteigen den Bus und biegen nach Tunceli ab. Schon nach wenigen hundert Metern sind wir auf einer Schotterpiste. Der Bus fährt nur ca. 30 km/h. Es staubt im Bus. Schnell wird er abgedichtet und die Aircondition angeschmissen. Über Serpentiemen und Kehren fahren wir hinauf zum Pülümür Paß. Wunderschöne Aussichten auf Berge und Täter begleiten uns auf der Fahrt durchs wilde Kurdistan. Im Bus hört man Gespräche über Karl May.
Um 10 Uhr steigen wir auf dem über 2000 Meter hohen Paß aus. Es weht ein kräftiger, kalter Wind. Dafür haben wir eine überwältigende Aussicht, die man nicht in Worten oder Bildern festhalten kann.
Schon kurze Zeit später fahren wir den Paß abwärts und halten noch kurz an einer Salzgewinnungsanlage aus der Römerzeit.
Wir durchfahren viele Lawinentunnel. Man kann erahnen, wie das Wetter hier im Winter zuschlagen muß. Und der Winter beginnt früh.
Seit geraumer Zeit folgt die Straße in einem Tal einem Flußlauf, irgendeinem Nebenfluß des Euphrat.
Wir haben wieder Asphalt unter den Rädern, was sich an der Geschwindigkeit bemerkbar macht. Das Tal ist wunderschön.
Gegen Mittag halten wir an einer Hängebrücke, die über den Fluß führt. Im glasklaren, türkisfarbenen Wasser können wir Forellen sehen. Das Wasser ist eisigkalt.
Wir überqueren die Hängebrücke und gelangen zu einer Dorfschule. Es ist kein Unterricht, da noch Ferien sind. Hier werden ca. 25 Kinder aus den Dörfern der Umgebung in einem Klassenraum unterrichtet. Die Kinder haben täglich 1 bis 1 1/2 Stunden Anmarschweg und einen ebensolangen Nachhauseweg. In der Türkei besteht eine 5jährige Grundschulpflicht. Von Mitte Mai bis Mitte September sind Sommerferien.
Hier in Ostanatolien herrschen aber noch zusätzlich strenge Winter, in denen viele Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten sind. Dann muß die Schule zwangsläufig ausfallen. So haben die Kinder hier effektiv eine dreieinhalbjährige Schulausbildung. Sie haben keine Chance jemals eine Realschule oder ein Gymnasium zu besuchen.
Nach einem Blick ins Klassenzimmer und in das Lehrerhaus, hier wohnt der Lehrer, wenn keine Ferien sind, fahren wir weiter und sind kurz darauf in Tunceli.
Wegen der kurdischen Terroristen, und wir befinden uns im Zentrum des “Arbeitsgebietes” der Kurden, ist Tunceli eine gesperrte Stadt. Touristen dürfen nicht in die Stadt, sondern müssen weiterfahren. Wir sind über das Ministerium angemeldet und dürfen hinein.
Um 12.15 Uhr sitzen wir im Amtszimmer des Polizeipräsidenten von Tunceli, Herrn Celal SIRINTERLINKCI, wo wir freundlich und herzlich empfangen werden.
Ob ich das folgende Gespräch veröffentliche, weiß ich noch nicht.
Tage später mußte ich einen Bürgermeister küssen. Wenn ich die Passage im Protokoll eines Kollegen finde, werde ich sicherlich davon berichten.